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Studio 1

Alexander Vieß, 15. Februar 2009 - 22:24

Veröffentlicht am:
15.02.2009
Studio 1

It’s a GAS: Die genredefinierende Compilation »Studio Eins« von Wolfgang Voigt wird wiederveröffentlicht und zeigt die Geburt des Minimal-Techno aus dem Schoße des Dubs.

Mike Ink. Gas. Freiland. Auftrieb. Dieter Gorny (!). M:I:5. Wassermann. Das sind nur die sieben bekanntesten Alter Ego aus dem umfangreichen Fundus des Kölner Technoproduzenten Wolfgang Voigt. Die Musikdatenbank Discogs listet gar 32, es würde mich nicht wundern, läge die Dunkelziffer noch wesentlich höher. Wer mehr Pseudonyme sein eigen nennt, als die meisten Musiker Alben haben, muss auf eine bewegte Karriere schauen können. Wolfgang Voigt kann das. Mehr als dreißig Jahre Leben im Zeichen der geraden Bassdrum haben Alben und Singles hinterlassen, an denen sich die jüngeren Anhänger der letzten relevanten Subkultur noch auf Jahre werden abarbeiten können.

Erst im letzten Jahr wiederveröffentlichte Wolfgang Voigts eigenes Label Kompakt sein Projekt GAS neu. Von der De:Bug sehr treffend als »Meilensteine des kreativen Rauschens« betitelt, entfalten die vier ursprünglich zwischen 1996 und 1999 veröffentlichten Alben »Gas«, »Zauberberg«, »Königsforst« und »Pop« ein Tableau aus seltsamen Geräuschen, Wagner-Samples, und eben jenem übergroßen Rauschen. Die üblichen verdächtigen Szene-Postillen feierten das Reissue wie erwartet korrekt ab. Aber auch die Edelfedern in den großen deutschen Feuilletons kamen nicht umher, raunend und staunend zu Protokoll zu geben, dass sie da offenbar etwas verpasst hatten. Es war aber auch zu schön, eine direkte Vorlage zur Beschäftigung mit deutschen Klischees und deren Brechung: Da kommt einer daher und packt den Ganzen deutschen Schmonz, alles was die hiesige massenkompatible Kultur an Heinos und Michels, an deutscher Romantik und Blut-und-Boden-Dichtung, an Volksmusik und Schlager zu fabrizieren sich imstande sah, in einen Sack, schüttelte den Brei ordentlich durch und macht etwas Neues, bislang Uner- und Ungehörtes draus. Achja, und begründete das en passant mit dem Ziel, genuin deutsche Musik mit dem Hintergrund Elektronik im weitesten Sinne erschaffen zu wollen. Herrlich, wie da das Blut hochkochte!

Dabei war das GAS-Projekt nicht das erste, mit dem Voigt Neuland (auch eines seiner Pseudonyme) betrat: Von 1995 bis 1997 veröffentlichte er als Studio 1 zehn Singles auf einem eigens dazu gegründeten, ebenso benannten Label. Die uniform gestalteten Platten verzichteten auf Tracktitel, ja sogar auf die Titel der einzelnen Platten und wurden so nach ihrer Farbe benannt. Man kennt das von dem White Album der Beatles, von Weezer, nicht zuletzt von Metallica. Die serielle, auf einem einfachen Raster und nur jeweils einer Farbe basierende Gestaltung zusammen mit der maschinell-anmutenden Typographie der Platten – es wird Adrian Frutigers OCR-A genutzt, die erste maschinenlesbare Schriftart – spiegelt dabei das repetitive, rohe und, nunja, eben maschinelle Wesen der Musik.

Natürlich ist der Projektname Studio 1 nicht ganz unbedacht gewählt und nimmt Bezug auf das epochemachende Studio One, das berühmteste Dub- und Reggae-Label aus Jamaika von Clement ›Coxsone‹ Dodd. Beim Dub, den mit Techno nicht zuletzt die Liebe zum Bass als strukturierendes und dominierendes Merkmal verbindet, holte sich Voigt den rauhen Sound, die eiernden Beats und die hier und da wie aus der Tonne klingende Bassline. Schön geht anders. Aber schön im Sinne von clean produzierter, bis in den letzten Click auf der 180. Spur gewaschene und optimal austarierte Musik soll das hier gar nicht sein. Studio 1 atmet die toxischen Dämpfe der ehemaligen Autostadt und Techno-Capitals Detroit, reibt sich an den schäbigen Bretterbuden der Dub-Soundsystems in Jamaikas Kingston Town und spuckt das Ganze mit Wucht in die Kölner Gasse. Studio 1 ist hart und böse, kantig und funktionell, roh und ohne jeden Tand. Und damit die musikalische Entsprechung zu Adolf Loos’ titelgebendem Sinnspruch »Ornament ist Verbrechen«.

Die Geschichte des Minimal-Techno ist eine Geschichte voller Mißverständnisse. Schaut man sich in den Plattenläden und Online-Shops Deutschlands um, fällt schnell auf, wie inflationär der Begriff Minimal genutzt wird. Die Beliebtheit des Genres brachte mit sich, dass heute alles, was nicht direkt als House oder, sagen wir mal, Schranz zu erkennen ist, im Minimal-Fach landet. Studio 1 zeigt, dass der Geist des Minimal sich entgegen der landläufigen aktuellen Produktionen nicht in Langeweile, Sauberkeit und Soundfetischismus ergehen muss. Minimal, wie es Voigt vor 14 Jahren mit diesen Tracks definiert hat, kann bouncen, böse scheppern und auch mal aus dem elenden 125-bpm-Korsett ausbrechen. Die Repetitivität ist hierbei das ausschlaggebende Moment. Was der eine als langweilig abtun mag – das Immergleiche nur in homöophatischen Dosen über sechs, sieben, acht Minuten variiert, nicht mehr als zwei Ideen je Track, keine Breaks! – entwickelt tatsächlich im Club oder auch in entsprechender Lautstärke zu Hause gehört einen Sog, den man sich nicht mehr entziehen kann. Mit dem Wissen um die historische Relevanz für den hiesigen Techno tut es gut zu spüren, wie unprätentiös diese Musik ist, wie wenig wichtig sie sich nimmt. Und wie wichtig sie dabei ungeachtet des Minimal-Hypes bleibt.

Label:
Studio 1 / Kompakt
Kalenderwoche:
2009/08
Artist:
Studio 1
Tracks:
  1. Neu 1
  2. Blau 2
  3. Neu 2
  4. Gold 2
  5. Rosa 1
  6. Neu 3
  7. Lila 3
  8. Gelb 1
  9. Neu 4
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