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Rules

Alexander Vieß, 1. März 2009 - 23:44

Veröffentlicht am:
27.02.2009
whitestboyalive.jpg

Drei lange Jahre hat es gedauert. Drei Jahre während derer man genug Zeit hatte, »Dreams«, das erste Album dieser so unwahrscheinlichen Band, immer und immer wieder zu hören. Manche Dinge altern nunmal erstaunlich gut.

The Whitest Boy Alive sind deswegen eine so unwahrscheinliche Band, weil sie sich geschickt zwischen die Stühle zu setzen wissen. Ursprünglich sollte aus dem Projekt von Sänger Erlend Øye ein rein elektronisches werden. House. Disco. Funk. Electronica. Sowas in die Richtung. Øye holte sich Marcin Öz am Bass und Sebastian Maschat als Drummer hinzu und so wurde aus dem verhuschten House-Projekt eine verhuschte Indiepop-Band mit House-Einflüssen. Dass das überhaupt geht, war vorher niemandem bewußt. Øyes andere Band, die Kings of Convenience, war mit ihrem schluffigen Singer/Songwriter-Sound zu diesem Zeitpunkt bereits leidlich erfolgreich, Øyes tatsächlich einzigartige Stimme (die einzige Parallele, an die ich denken kann, ist Arthur Russel) durchaus bekannt.

»Dreams« also erschien 2006 und wurde rasch zu dem, was man landläufig unter einem Hit versteht. Øyes schlacksige Gliedmaßen und riesige Billo-Brillen zierten Cover von Teeniezeitschriften, die Singleauskopplung »Burning« lief lange Zeit in wirklich jedem Club rauf und runter, das Wort von den einzigartigen Auftritten der Band machte die Runde. Kurzum, hier ward eine Indie-Superband geboren; eingängig genug, um zum absoluten Konsens zu werden, dabei aber immer noch ausreichnd nerdig, um das generell erstmal zum Musikfaschotum tendierende Indiepublikum mit seinen Authentizitätsvorstellungen nicht zu verprellen.

Dieser Tage erscheint nun das zweite Album, schlicht »Rules« betitelt, und The Whitest Boy Alive bleiben damit die symphatischen Slacker von nebenan (übrigens auch durchaus wörtlich zu verstehen: Øye wohnt inzwischen in Berlin), die nichts falsch und vieles richtig machen. »Rules« variiert das Prinzip der ersten Platte kaum; die Disco-, Funk- und House-Einflüsse bleiben stets unüberhörbar präsent. Und trotzdem wirkt »Rules« in einem postiven Sinne ›gut abgehangen‹, relaxt, zurückgelehnt. Die Produktionsweise mag sich hier bemerkbar machen. Aufgenommen wurde »Rules« in Mexiko, weitab von allem, was einem in Berlin ablenken könnte. Keine Partys, keine Gelage, einfach nur ruhig und konzentriert arbeiten.

Das sorgt auch dafür, dass »Rules« das erste Album des Jahres ist, das den Sommer vorweg nimmt. »Rules« sollte, verzeiht mir das verkitschte Becks-Feeling-Bild, in der abnehmenden Nachmittagssonne eines frühen Sommerabends gehört werden, kurz bevor man sich dann aufrafft, um die Nacht durchzutanzen. Rules ist ein letztes kurzes Aufatmen, bevor man sich in die Wirren der Nacht schmeißt. Prä-Disco, situativ verstanden, sozusagen.

Indes wird man, soviel ist jetzt schon sicher, live etwas völlig anderes als auf Platte vorfinden. The Whitest Boy Alive lassen dann nämlich doch noch ihre technoiden Muskeln spielen, alles wird schneller, härter, unmittel- und auch tanzbarer. Zwischen den Polen Disco/House und groovender Jazzimprovisation darf nämlich auf den Konzerten der Band gerne auch mal geschwitzt und geschrien werden. Eine Tatsache, die man dem Album nicht unbedingt anhört und von deren Richtigkeit man sich am 9. April im Düsseldorfer Zakk, am 22. April 2009 im Berliner Astra und am 14. August bei der c/o pop in Köln überzeugen kann.

Böse Stimmen würden sagen: »Rules« ist ein wenig eintönig. Ich sage: »Rules« ist unaufgeregt aufregend. Courage! Courage! Courage!

Label:
Bubbles
Kalenderwoche:
2009/10
Artist:
The Whitest Boy Alive
Tracks:
  1. Keep A Secret
  2. Intentions
  3. Courage
  4. Timebomb
  5. Rollercoaster Ride
  6. High On The Heels
  7. 1517
  8. Gravity
  9. Promise Less Or Do More
  10. Dead End
  11. Island
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