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Ein Streit so alt wie das Schreiben über Musik: Sagt es etwas über die Qualität einer Band aus, wenn sie einen Sound spielen, dem man sonst nicht begegnet? Ist jenseits des Marketing-Marken-Blablas ein »Alleinstellungsmerkmal« etwas, dass Künstler auszeichnet? Und ab wann ist eine Musik eigenständig? Andersum: Sind Copycats immer einfallslose Unkreative, denen noch nichtmal beim Singen unter der Dusche eine griffige Melodie einfällt?
Rewind. Natürlich ist der Genie-Gedanke abwegig, spätestens seit Beginn des Pop-Zeitalters, also roundabout seit 50 Jahren, ist das Zitat König im Rhytmen-und-Töne-Wald. Genauer: Klauen/Zitieren/Variieren/Remixen waren schon immer legitime Herangehensweisen an Musik (und Kunst im allgemeinen). Es braucht keinen Duchamp und keinen Warhol um zu erkennen, dass das Zitat grundlegender Bestandteil der Kunstproduktion ist. Puccini klaute ausgiebig bei Mozart, der wiederum bei Monteverdi. Aber leitet sich daraus zwangsläufig eine Rangfolge ab? Darf sich Monteverdi ganz oben aufs Siegertreppchen stellen, sich mit den Lorbeeren des Neuen, mit den Insignien des Originalen schmücken und Mozart wie Puccini aufs Haupt spucken?
Forward. Das Hypnotic Brass Ensemble ist eine eigenartige Band. Sie bildet sich aus den acht Söhnen von Philip Cohran, dem ehemaligen Trompeter des Sun Ra Arkestras und dem (familienfremden) Schlagzeuger Christopher Anderson. Auf Damon Albarns Label Honest Jon's, das sich auf »Weltmusik« im weitesten Sinne spezialisiert hat und neben der Moritz-von-Oswald-Produktion Wareika Hill Sounds auch den Großpapa des Afrobeats Toni Allen veröffentlicht, bringen sie nun ihr erstes, selbstbetiteltes Album heraus. Das erste Album? Nicht ganz. Seit 2004 sind schon eine ganze Reihe an Alben des Kollektivs erschienen, allerdings allesamt im Eigenvertrieb und zunächst nur käuflich bei den Auftritten der Band. Denn das Hypnotic Brass Ensemble ist vor allem dieses: Eine Live-Band. Seit Jahren treten sie als Straßenmusikanten in ihrem Heimatort Chicago und auf dem New Yorker Times Square auf und ziehen die Passanten in ihren Bann – denn so will es die Bandmythologie: Bei einem Auftritt in der New Yorker Sub sei ein Zuhörer auf die Band zugekommen, der zuvor alle seine Bahnen verpasst hatte und regungslos dem Spektakel lauschte: »You guys just hypnotized me«.
Der namenlose Passant war nicht der einzige, der von dem einzigartigen Sound der Band in Bann gezogen wurde. Irgendwann schlenderte auch Damon Albarn, Kopf der Britpopper Blur und Labelchef von Honest Jon's, über die Portobello Road und stieß auf die Brüder. Der Rest ist Geschichte: Albarn ließ so gut wie alle Singles und EPs nachlizensieren und so können auch wir endlich die Musik genießen, die soweit im Heute ist und zugleich soviel Geschichte atmet.
Denn Geschichte wird hier perfekt mit dem urbanen Leben unserer Zeit verzahnt. Aufgewachsen in einem Umfeld des Jazz und des Philly Souls zog es die Brüder zunächst hin zum klassischen HipHop von NWA, Eazy-E und Public Enemy. Gleichzeitig hatte Papa Philip Cohran schon immer die Idee des Family Business im Kopf, gemeinsames Proben im Familienkreis war obligat. Und diese Famielienbande hält bis heute: Eines der besten Stücke des Albums, Alyo, wurde vom Vater geschrieben. Die Genre-Bandbreite hat sich indessen noch weiter aufgefächert. Der Afrobeat von Toni Allen, der auch hier seine Finger im Spiel hatte, ist an einigen Stellen herauszuhören und auch lateinamerikanische Rhytmen tauchen ab und an auf. Das Besondere bleibt aber, dass alles wie aus einem Guß klingt. Wenn es nicht so abgeschmackt wäre, man könnte von dem Ganzen sprechen, das mehr als seine Teile ist.
Rewind. Eine eigenartige Band also. Aber auch eigenständig? Die Idee, HipHop-Beats mit Blechbläsern zu verbinden, ist so neu nicht. Die Youngblood Brass Band (auch hier Megalomanie: Neun Bläser und zwei Schlagzeuger) verfolgt ein ähnliches Ziel. Deren erstes Album erschien 1998, ihr Meisterwerk bleibt bis heute das unübertroffene »Center:Level:Roar« von 2003. Und dann gab es ja auch die William Fairey Brass Band, die auf ihrem 1997er-Album »Acid Brass« klassische Housestücke mit Blechbläsern interpretierte. Auch hier also: Kein Schöpfen aus dem luftleeren Raum, es gibt und gab Vorbilder oder zumindest -gänger. Dass das Hypnotic Brass Ensemble bei uns zur Platte der Woche gekürt wird, liegt weniger in der absoluten Einzigartigkeit der Idee begründet als vielmehr in dem Quentchen Mehr, das das Album versprüht. Es ist jenes Quentchen mehr, das sich einer schriftlichen Beschreibung entzieht und das du erst bemerken wirst, wenn du beginnst, unmerklich mitzuwippen sobald der erste Track läuft. Probiers mal:
Trackliste mit Anspieltipps: