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Sprechen wir mal kurz von Hypes. Wenn es ein bislang recht unbekannter Künstler schafft, mit gerade mal zwei Singles und vier Tracks zur größten Hoffnung der perfekten Fusion zweier Genres zu werden und die Krone zu Füßen gelegt bekommt, dann spricht das entweder gegen ziemlich viele andere Künstler oder der Genie-Gedanke liegt nahe. Gehen wir in diesem Fall von Letzterem aus.
Dave Huismans aus Den Haag – Bezirk 2562, daher sein Künstlername – veröffentlichte im letzten Jahr auf dem richtungsweisenden Dubstep-Imprint Tectonic zwei 12-inches, die zu den schnellstverkauften Platten des Labels werden sollten. »Channel Two / Circulate« und kurz darauf »Kameleon / Channel One« ließen biertellergroße Schweißflecken unter den Armen der gerade wieder auferstehenden Dubtechno-Gemeinde und den sich nach Veränderung sehnenden Dubstep-Fans entstehen. Schließlich folgte dann vor einem Monat eine weitere Single und es war bereits klar, dass Huismans längst allen davon läuft: »Techno Dread / Enforcers« war allein durch Vorbestellungen, also bevor die Platte überhaupt regulär in den Handel kam, bereits ausverkauft.
Dies alles geschah im übrigen keine Sekunde zu früh: Dubstep schien zu diesem Zeitpunkt immer mehr die Entwicklung zu nehmen, die Minimaltechno schon vor Jahren zu beschreiten begann: Die vollkommene Eingemeindung in einen Trademark-Sound, die zunächst in den immer gleichen Patterns und Strukturen mündete und schließlich »Minimaltechno« als Genrebezeichnung völlig obsolet werden ließ, weil der Begriff selber zur reinen Vermarktungsstrategie innerhalb eines recht zynischen aber nicht sehr kreativen Musikmarktes geworden war. Natürlich gab und gibt es immer noch und immer wieder Künstler, die sich dem widersetzten, die ausgetretene Pfade verließen und so dem ausgelaugten Genres neues Feuer schenkten. Auf der Techno-Seite zählen dazu ohne Frage Ricardo Villalobos’ Rhythmus-Orgien während Dubstep beispielsweise durch Burial und Shackleton bzw. den anderen Künstlern auf dessen Label Skull Disco vorangetrieben und mit neuen Impulsen versehen wurde. Was lag da näher als die bereits in Interviews geäußerten Sympathien füreinander auf ein musikalisches Fundament zu stellen? Ende letzten Jahres erschien dann die Platte, auf die alle gewartet hatten: Villalobos remixte Shackletons »Blood On My Hands« als 20minütiges Opus Magnum, das in seiner Repetivität sämtliche Grenzen hinter sich ließ und längst allen Genrebezeichnungen davon gelaufen war. Man muss sich nicht allzu versteigen um zu sagen, dass in zehn Jahren diese Platte genannt werden wird, kommt die Rede auf die Vermählung von Dubstep und Techno.
Das also war letztes Jahr. Zu dieser Zeit schraubte Herr Huismans bereits an seinen Tracks für Tectonic, die jetzt zusammen mit weiteren Stücken als CD und Doppelvinyl unter dem Titel »Aerial« erscheinen. Huismans veröffentlicht auch recht klassichen Techno/House als A Made Up Sound und Broken Beats auf dem Label Subsolo unter seinem dritten Künstlernamen Dogdaze. Mit Sicherheit ist Huismans kein Genrefascho, niemand, der sich sonderlich um die Reinheit der Stile kümmern würde. Dort, wo Villalobos ansetzt, nämlich beim Minimalismus, nimmt sich 2562 den Dubtechno vor, ein Genre, dessen gemeinsame Vorfahren mit Dubstep sich nicht nur im Namen zeigen. Dubtechno war die Verbindung zwischen Detroit und Berlin, die Anfang der Neunziger Jahre ein neues Utopia des Techno-Undergrounds wurde. Maßbeglich beteiligt daran waren zwei deutsche Künstler, deren Relevanz für die deutsche elektronische Musikszene bis heute nur mit der von Kraftwerk verglichen werden kann: Moritz von Oswald und Mark Ernestus und ihre zahlreichen Alter Egos begründeten den transatlantischen Austausch zwischen der Motor City und der geteilten Stadt mit ihren Labels Basic Channel, Maurizio und Chain Reaction. Ein neuer Technosound ward geboren, dessen Rauschen, Hall und analoges Kratzen gleichsam auf Dub als auch auf klassischen Detroit-Techno referierte.
2562 ist sich dieser Geschichte natürlich bewußt; »Aerial« atmet Geschichte und erzählt vom Vergangenen. Das man ihm das aber nicht krumm nimmt, liegt an der Produktionsweise Huismans, die jedes musikalische Klischee umschifft und ohne Phrasen auskommt. Einfach gesagt: Huismans bringt das mit, aus dem Neues entstehen kann: Das Wissen um die Geschichte seiner Musik bei gleichzeitig völlig ausbleibenden Respekt vor dem ›Vermächtnis‹. 2562 schert sich vermutlich auch deswegen so wenig um Bewahrung des Wahren, Schönen, Guten, weil er um dessen reaktionäre Langeweile weiß. »I didn’t want to jump someone else’s train, but I figured if I bring my own musical background and preferences into play, I would come up with different music anyway. That’s what I usually do really; absorb and process elements from all kinds of music I love and fuse them into something I feel comfortable calling my own.« Und so zitiert 2562 im besten Sinne: Gerade die interessantesten Teile aus den Genres Dubtechno und Dubstep werden übernommen um daraus etwas völlig Neues zu schaffen. So kann er es sich auch leisten, selbst Musiknerds zu verwirren, die anfangs nicht wissen, auf wieviel Umdrehungen man seine Platten denn nun abspielen soll. Die Langsamkeit von Dubstep ist vergessen und ebenso das Repetitive des Techno. Der eigentümliche Funk, der sich aus dem Techno-Rauschen und dem angezogenen Dubstep-Tempo ergibt, kriecht dir unnachgiebig und langsam den Rücken hoch und beißt sich in deinem Genick fest. Gefangene werden hier keine gemacht – friend or foe.
Natürlich wurde auch hierfür schnell eine Genrebezeichnung gefunden: ›Technostep‹ soll das bezeichnen, was 2562 hier so vorzüglich gelungen ist. Ihr dürft das jetzt sofort wieder vergessen, denn 2562 hat mit »Aerial« – soviel versuchte Prophetie sei mir erlaubt – nicht nur eines der Alben des Jahres 2008 gemacht, er wird auch ziemlich allein auf einem Siegertreppchen stehen, das dann solch verunglückte Genrebezeichungen einfach nicht mehr benötigt. Und, wer weiß?, mit ein wenig Glück wird man dann der Achse Kingston — Detroit — Berlin auch noch Den Haag hinzufügen müssen.
2562:
Diskographie und weitere Infos bei Discogs
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Sets und DJ-Mixes sowie der Showcase-Mix für Mary Ann Hobbes’ BBC Radio One-Show in seinem Blog
Text: Alexander Vieß
Tracklist mit Anspieltipps: